Das dritte Newton’sche Axiom

Anwendungsfall:
Du stehst vor einem möglichen Vorhaben, aber irgendetwas hält dich zurück. Einerseits willst du das Neue umsetzen, andererseits spürst du innerlich, dass dich etwas daran hindert.

Zweck:
Ein geplantes Vorhaben auf treibende und beharrende Kräfte untersuchen, um eine bessere Entscheidung zu treffen, ob sich das Vorhaben auch wirklich lohnt.

Ablauf:

  1. Lege einen A4-Bogen hochkant und zeichne oben mittig zwei Pfeile ein: Ein Pfeil zeigt von der Mitte nach links (rückwärts), ein Pfeil zeigt von der Mitte nach rechts (vorwärts). Der Pfeil nach links steht für die beharrenden Kräfte in dir (beim Status quo bleiben), während der Pfeil nach rechts die vorwärts treibenden Kräfte in dir symbolisiert (zum Neuen streben).
  2. Teile das Blatt unterhalb der Pfeile in vier gleich große Bereiche ein, jeweils zwei übereinander: links und rechts. Nun untersuchst du dein Vorhaben aus vier verschiedenen Perspektiven:
    • Bereich links oben: Beharrende Kräfte, die für den Status quo stehen. Frage dich: Was spricht dafür, dass ich mich nicht verändere und alles so belasse, wie es ist? Füge Deine Notizen bitte hier ein.
    • Bereich links unten: Beharrende Kräfte, die gegen die geplante Veränderung sprechen. Frage dich: Was spricht explizit gegen das neue von dir geplante Vorhaben? Halte die Argumente auch hier schriftlich fest.
    • Gehe nun über zum rechten Bereich und beginne mit dem Abschnitt rechts oben: Treibende Kräfte, die eher für das neue Vorhaben sprechen. Frage dich: Was alles spricht dafür, dass ich mich verändere und gewohnte Bahnen verlasse? Mache dir Notizen oben rechts.
    • Bereich rechts unten: Treibende Kräfte, die gegen den Status quo sprechen. Frage dich: Was spricht dagegen alles so zu belassen wie es ist? Schreibe auf, was dir dazu einfällt.
  3. Wenn du alle vier Bereiche reflektiert hast, verschaffe dir einen abschließenden Überblick. Was fällt dir auf? Wozu tendiert dein Verstand (Ratio)? Und was sagt dir dein Bauchgefühl (Emotio), wo der Wichtigste der vier Bereiche ist? Welche Argumente sind in Verknüpfung mit den dir wichtigen Werten und Zielen die Allerwichtigsten?
  4. Idealerweise lässt du die Analyse dann etwas liegen (schläfst drüber) und nimmst diese mit etwas Abstand noch einmal zur Hand und triffst eine Entscheidung über die weiteren Schritte.

Eine Kraftfeldanalyse ist immer ein situativer Schnappschuss, der zu einem gegebenen Zeitpunkt ein inneres Stimmungsbild wiedergibt. Das sich – natürlich – ändern kann. Es ist eine Methode, mit der du künftig gut abgerundete Entscheidungen für größere Vorhaben treffen kannst.

Was zu beachten ist:

  • Diese Methode eignet sich besonders gut, wenn du dir noch im Unklaren darüber bist, ob du etwas Neues einführen sollst. Mitunter gibt es eine innere Stimme die dich aus gutem Grund davon abhält, sei es, weil das Neue zu aufwändig ist oder die gegenwärtige Situation auch viele Vorteile für dich hat. Wenn du diese Übung durchführst, wirst du wesentlich mehr nützliche Informationen gesammelt haben, um eine für dich passende Entscheidung zu treffen.
  • Versuche, beiden Seiten der Analyse (sowohl beharrenden als auch treibenden Kräften) jeweils gleich viel Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Der Fairness halber sollten beide Seiten ausreichend Anteil deiner Analyse erhalten.

Praxisbeispiel:

Einer meiner Coachees war im Beruf bereits gut etabliert und ist die Karriereleiter in seinem Unternehmen einige Stufen hochgeklettert. Trotzdem wurmte es ihn, dass er noch kein „richtiges“ Studium absolviert hatte und er stand nun vor der Entscheidung ein berufsbegleitendes Studium zu absolvieren. Da er noch immer unsicher war (Soll ich es wirklich machen?) führten wir gemeinsam eine Kraftfeldanalyse zu diesem Vorhaben „Ein berufsbegleitendes Studium belegen – Ja oder nein?“ durch.

  • Argumente, die aus seiner Sicht gegen das neue Vorhaben sprachen: Kurzfristig versprach das Studium keine weitere Karriereentwicklung (auch ohne Studium ist er bisher sehr weit gekommen) – das Studium erfordert zeitlichen Aufwand, der mit seinem Job und den Ansprüchen seiner Familie zu vereinbaren war – das Studium musste finanziert werden – mein Coachee äußerte große Bedenken, sich auf das Studium einzulassen, da er stärkere Prüfungsängste hat und ein Scheitern voraussehbar war.
  • Für das Studium wiederum sprachen folgende Argumente aus Sicht meines Coachees: Ohne Studium wird es tendenziell schwierig, neues Wissen zu erwerben – der Job meines Coachees war in letzter Zeit wenig herausfordernd – mit dem Studium verband der Coachee eine ganze Reihe positiver Merkmale: Spaß (an Fächern und dem Miteinander mit anderen Studenten), das Netzwerken (auch nach dem Studium), der reine Wissenserwerb und das Stillen seines Wissenshungers, die zu erwartende Verknüpfung des erworbenen Wissens mit seiner eigentlichen Arbeit, nicht zuletzt der erworbene Studientitel und damit einhergehend ein höheres Selbstbewusstsein.

Wenn man beide oben zitierten Listen miteinander vergleicht, fällt es nicht schwer zu erraten, , wofür sich mein Coachee entschieden hat. Richtig, er hat ein Studium begonnen, auch wenn das von seinem derzeitigen Arbeitgeber nicht erwartet wurde. Die Argumente zur Veränderung gaben dem Coachee den Anstoß zum Verlassen seiner Komfortzone. Es war lediglich eine Frage der Organisation und klugen Vorbereitung, um das geplante Vorhaben erfolgreich umzusetzen. Gleichzeitig war es für meinen Coachee auch wichtig, die Argumente der beharrenden (linken) Seite der Analyse erneut in Ruhe zu überprüfen, , um sich auf die Veränderung besser vorzubereiten und vorhandene Risiken (fehlende Finanzierung oder schiefe Work-Life-Balance) zu reduzieren.

Abschließend unterhielten wir uns noch über konkrete nächste Schritte und der Coachee nahm sich drei Folgeaktivitäten vor: Sich mit seiner Familie zum geplanten Studium abzustimmen, die finanzielle Planung abzuklären und konkrete logistische Details (wann, wo, wie) zu klären.

Ich konnte noch mitverfolgen, wie mein Coachee sein Studium aufnahm und sich einige seiner Vorstellungen (Spaß, erhöhtes Selbstbewusstsein) bereits kurze Zeit später erfüllt hatten.

Wer das Für und Wider sorgsam abwägt, trifft stets eine weise Entscheidung.

Aus Alt mach Neu

Wo bin ich?
Einen langen Weg habe ich bis hierhin zurückgelegt, viele Tausend Meilen liegen hinter mir. Die alte Welt habe ich nun völlig hinter mir gelassen, alles Bekannte von mir abgestreift. Erinnerungen an die Zeit, wie es damals war, erscheinen mir nur noch wie schwache Nebelschwaden, die mir durch den Kopf ziehen.
Vor vielen Tagen brach ich auf, um den „Grünen Ort“ zu finden.

Grüner Ort, o du Land meiner Wünsche und Hoffnungen.
Du Quell meiner Lebensenergie.
Du bist es, der mich am Leben erhält und mir Zuversicht gibt.
Eines Tages will, muss ich dich erreichen.
Ach, wie schön wäre es doch, wäre ich schon bei dir.
Dann könnte ich die alte Welt endlich vergessen machen.
(angelehnt an Furiosas Suche nach dem „Green Place“, aus „Mad Max, Fury Road“)

Kennen Sie den Zustand, zwischen einer „alten Welt“ und einer „neuen Welt“ gefangen zu sein? Schon wissend, dass Sie das Alte aufgeben wollen, jedoch noch nicht  sicher, ob Sie das Neue auch erreichen werden?

Kurt Lewin, einer der weltweit bekanntesten Psychologen, hat einen Weg gefunden, dieses  Dilemma erfolgreich zu überwinden.
Mein Ansatz für einen erfolgreichen Wandel basiert dabei auf der „Psychologischen Feldtheorie“ von Kurt Lewin.

Lewin (1890 – 1947) gilt als Begründer der modernen experimentellen Sozialpsychologie. Die von ihm entwickelte Feldtheorie stellt das Verhalten von Menschen zueinander in den Mittelpunkt und geht ganzheitlich vor: Teile einer Gesamtsituation müssen immer im Gesamtzusammenhang verstanden werden. Die in diesem Artikel beschriebenen Bausteine der Kraftfeldanalyse fokussieren sich mehr auf die beharrenden und auf die treibenden Kräfte einer Situation.

Immer wenn Sie damit konfrontiert sind, etwas Neues einzuführen, können Ihnen folgende Fragen helfen.

Fragen zur (alten) bisherigen Lebenssituation:

  • Was gefällt mir an meinen bisherigen Lebensumständen? Was stufe ich positiv ein? Was erschwert mir, sich davon zu lösen?
  • Warum macht es Sinn, sich vielleicht vom Bisherigen zu verabschieden?
    Was fehlt mir aktuell? Was vermissen ich? Was stört mich am Status quo? Was stufe ich negativ ein?
  • Unter welchen Bedingungen wäre ich bereit, die negativen Umstände aufzugeben?

Fragen zur neuen Lebenssituation:

  • Warum fällt es mir (noch) schwer, auf das Neue zuzugehen? Was steht mir im Weg?
  • Wie sieht das Neue genau aus? Welche Vorteile, welcher Nutzen ist damit verbunden?
  • Welche Hoffnungen und positiven Erwartungen verbinde ich mit dem Neuen? Was kann ich dazugewinnen?

Fragen zu Veränderungen und Lebensübergängen:

  • Wer und was kann mir bei meiner Neuorientierung helfen?
  • Was muss ich organisatorisch, technisch und kulturell/menschlich beachten?
  • Welche Probleme könnten während des Übergangs entstehen? Und wie könnte ich diese vorausschauend entschärfen?
  • Wie gewinne ich auch in der „neuen Welt“ schnell an Konstanz und behalte eine gesunde Balance aus Veränderung und Stabilität bei?

Nach meinen Erfahrungen nutzen Unternehmen noch zu selten die Erkenntnisse der Kraftfeldtheorie. Im Folgenden nenne ich einige Beispiele misslungener als auch gelungener Einführungen.

Zwei Beispiele für gescheiterte Projekte:

  • Ein globaler Logistikdienstleister setzte ein umfangreiches neues Betriebssystem auf. Von Blueprint- bis Ende der Pilotierungsphase dauerte es zwei Jahre. Dies verschlang einen zweistelligen Millionenbeitrag. Der System Roll-out ging völlig schief, da zu viele technische Probleme gleichzeitig entstanden, die kurzfristig nicht zu beheben waren. Schließlich erfolgte ein „Rollback“, eine Rückkehr zum alten System. Die gesamten Projektkosten wurden vom Unternehmen als „versenkte Kosten“ abgeschrieben.
  • Ein Konzern führte bei seiner italienischen Tochter ein umfangreiches SAP-System mit verschiedenen Modulen ein. Die Einführung ging gründlich daneben und das System wurde vor Ort von den italienischen Anwendern abgelehnt. Die Fehleranalyse ergab, dass eine „Due Dilligence Prüfung“ unter Einbeziehung der kulturellen Gegebenheiten nur ungenügend durchgeführt wurde. Man hatte die kulturspezifischen Unterschiede zwischen zentralem Projektteam und lokalen italienischen Anwendern nicht genügend berücksichtigt.

Zwei Beispiele für gelungene Projekte:

  • Ein Produktionsunternehmen führte eine IT-Anwendung für 5.000 Nutzer ein. Mit ausreichend bemessener Vorbereitungszeit wurde das bisherige abzulösende System sukzessive abgeschaltet. Alle Anwender erhielten umfangreiche Systemschulungen und am „Tag 0“ konnte das alte System konsequent heruntergefahren werden. Es wurde, auch wenn es anfängliche Einarbeitungsschwierigkeiten gab, ein reibungsloser Systemtransfer erzielt.
  • Ein globaler Markenartikler führte aufgrund von gestiegenem Marktdruck ein neues Geschäftsmodell ein. Dieses wurde aus mehreren Gründen ein Erfolg: 1. Im gesamten Unternehmen konnten entsprechend ausgebildete Mitarbeiter als „Transformations-Multiplikatoren“ eingesetzt werden, die sich für das neue Modell stark machten, 2. Die Stärken des bisherigen Geschäftsmodells wurden identifiziert und das Projektteam  übernahm ganz gezielt das Bewährte und Funktionierende aus der „alten“ in die „neue“ Welt, 3. Der Transformationsprozess zeichnete sich durch  „Veränderung mit Augenmaß“ aus und es erfolgte eine kontinuierliche Prüfung, welche und wieviel Änderungen den betroffenen Stakeholdern zugemutet werden durften. Im Zweifelsfall ist der Zeitbedarf  zugunsten einer nachhaltigeren Lösung gestreckt worden.

Bitte versuchen Sie Lewins Kraftfeldtheorie zu berücksichtigen, wenn Sie das nächste Mal organisatorisch etwas Größeres verändern möchten. Überdenken Sie die verschiedenen Argumente, die für als auch gegen das „Alte“ und das „Neue“ sprechen und versetzen Sie sich über diese Reflexion in die Lage, eine ausgewogene und nachhaltige Entscheidung über die angestrebte Transformation zu treffen.

Viel Erfolg!

Weiterlesen: Den „Appetit“ nach Veränderung in Organisationen stillen…