Im Großkonzern (als Mitarbeiter) überleben

K. kam endlich im Schloss an. Dort fand er unzählige Flure, Treppen und Büros vor. Viele Menschen liefen aufgeregt umher, überranten einander fast. K. fragte mehrmals um Hilfe und versuchte das Gesuch, wegen dem er gekommen war, anzubringen. Doch es war vergebens. Keiner war bereit ihm zuzuhören. K. setzte sich erschöpft in eine Flurecke des Schlosses, noch immer völlig ignoriert von den Menschen, die um ihn herumwuselten.
„Ich bin verloren, ohne Orientierung. Ich kenne hier niemanden und keiner mag mir helfen. Was kann ich nur tun?“.
K. verfiel in eine tiefe Depression, ohnmächtig und unfähig sein Schicksal aktiv zu beeinflussen
.“
(in Anlehnung an „Das Schloss“ von Franz Kafka)

Sind Sie vielleicht ein verzweifelter (oder zumindest unglücklicher) Mitarbeiter eines großen international tätigen Unternehmens? Und finden Sie sich in den obigen Zeilen aus Kafkas berühmten Buches wieder? Einige Antworten auf Ihre Fragen können Sie den drei Tipps unten entnehmen, nach dem Motto „Wie überlebe ich als kleine Ameise in einer Ameisenarmee?“.

Interne Arbeitsmarktfähigkeit
Für nahezu jeden von uns im Wirtschaftsleben gilt es, die eigene Marktattraktivität kontinuierlich auf einem hohen Level zu halten. Der Mitarbeiter eines Großkonzerns hat dafür Sorge zu tragen, dass er einen produktiven Arbeitsbeitrag erbringt, der zu Philosophie und Zielen des Unternehmens passt. Die Frage ist: Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Attraktivität für andere im Unternehmen konstant hoch bleibt?
Sie könnten, als Mittel der Wahl, eine Führungskarriere anstreben. Führungskräfte sind üblicherweise mit Macht ausgestattet und üben daher eine natürliche „Attraktivität“ auf andere aus. In Zeiten immer flacher werdender Hierarchien könnte dies jedoch ein wenig effektiver Weg sein. Faktische Macht zählt in der modernen Arbeitswelt immer weniger. Wenn alle Mitarbeiter sehr selbstorganisiert vorgehen und gut miteinander vernetzt sind, wozu ist dann konventionelle Macht nach altem Vorbild noch nützlich? Ein vielversprechenderer Weg ist es, als Experte für bestimmtes Erfahrungswissen zu gelten und sich darüber im Unternehmen einen Ruf aufzubauen. Dies kann für bestimmte Geschäftsprozesse, neue Technologien oder Methoden gelten. Bedingung ist natürlich: es muss eine Expertise sein, die voraussichtlich (kurz- bis mittelfristig) von anderen in der Firma aktiv nachgefragt wird. Ob Sie ein IT-Entwickler mit tiefgehendem Java-Wissen, eine Krankenschwester mit Spezialisierung auf Krebspatienten oder ein Feuerwehrmann mit unzähligen erfolgreichen Einsätzen werden, immer geht es für Sie darum, gute Antworten auf die folgenden zwei Fragen zu finden: 1. Welche Services und unterstützenden Leistungen benötigen die Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen (aka Ihrer Community aka Ihrem Bereich) voraussichtlich in nächster Zeit? und 2. Das was Sie aktuell anzubieten haben: Wie gut erfüllt das die Frage #1 derzeit? Wenn nur unzureichend: Was müssten Sie ändern oder verbessern, um Ihre Kollegen besser unterstützen zu können?

Und auch wenn Hierarchien in der modernen Arbeitswelt flacher werden und klassische Führung weniger notwendig wird, ist es noch immer eine gute Idee, sich zu fragen: Was könnte ich tun, um meinen Vorgesetzten darin zu unterstützen, seine Reputation im Unternehmen zu verbessern? Wenn Sie mutig sind, gehen Sie sogar einen Schritt weiter und fragen ihn/sie ganz einfach: „Wie kann ich dich in nächster Zeit so unterstützen, damit deine Reputation in diesem Konzern sich weiter verbessert?“ Die Antworten, die Sie erhalten, werden Ihnen wertvolle Hinweise darauf geben, wie Sie sich weiterentwickeln können.

Vielfältig netzwerken
Sobald Sie bei einer sehr großen Firma (sagen wir über 100.00 Mitarbeiter) anfangen, kann allein die Größe der Organisation auf Sie überwältigend und einschüchternd wirken. Es kann Ihnen dann helfen, dieses Unbehagen etwas zu reduzieren, indem Sie sich folgende Fragen stellen:

  1. Angenommen, Sie beabsichtigen, einige Zeit in diesem Unternehmen zu verbringen: Welches sind wohl die Mitarbeiter, zu denen Sie vorrangig eine Beziehung aufbauen sollten, da diese es sind, die an Entscheidungen beteiligt sind, die Sie und Ihre unmittelbare Arbeitsumgebung betreffen?
    Erweitern Sie den Kreis um Ihren direkten Vorgesetzten auch hin zu Bereichen wie der Personal- und IT-Abteilung. Deren Job ist es nämlich, Sie zu befähigen, Ihren Job zu machen. Deshalb ist es immer nützlich einige Kollegen in den Bereichen HR und IT gut zu kennen.
  2. Angenommen, dass insbesondere jene, die über ein vielfältiges Netzwerk verfügen, die in einer Firma Erfolgreichsten sind: Wie können Sie es erreichen, dass Sie mit Mitarbeitern über verschiedene Abteilungen und Hierarchieebenen hinweg in Kontakt kommen, um mit diesen eine nützliche Arbeitsbeziehung aufzubauen?
    Gibt es beispielsweise Ereignisse, Meetings oder Events, wo Sie die Chance erhalten, Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen kennenzulernen?

Wenn Sie noch am Anfang Ihrer Konzernkarriere stehen, kann es sehr nützlich sein, einen Mentoren an die Seite gestellt zu bekommen. Dies ist idealerweise eine Person, die in der Organisation bereits sehr gut vernetzt ist und die über eine gewisse Coachingexpertise verfügt, um Sie als Mentor zielführend unterstützen zu können. Wer in Ihrer aktuellen Firma könnte eine solche Person sein? Zögern Sie nicht, aktiv nachzufragen, notfalls in der Personalabteilung. Eine der wichtigsten Personalaufgaben in jedem Konzern sollte es nämlich sein, ein funktionierendes Mentoring-Netzwerk zu etablieren, von dem letztendlich alle profitieren.

Ähnlich wie Mentoring: Halten Sie nach Rollenvorbildern Ausschau. Welches sind die Verhaltensweisen, die Sie an Kollegen und Führungskräften besonders bewundern (und die Sie vielleicht sogar etwas neidisch machen)? Rücken Sie den Mitarbeitern ein wenig „auf die Pelle“, lernen Sie von ihnen und integrieren Sie das Gelernte in Ihre eigene ganz persönliche Art, anderen gegenüber aufzutreten.

Mit Veränderungen in Konzernen umgehen
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Abläufe in global agierenden Unternehmen oft sehr komplex sind. Die Erfüllung interner Auflagen (Compliance) ist häufig bestimmend und Durchlaufzeiten selbst für einfachste administrative Prozesse (wie Reisegenehmigungen oder Kauf neuer IT-Ausrüstung) können schmerzhaft lang sein. Als Mitarbeiter eines Konzerns benötigen Sie Ausdauer und Geduld, wenn Sie erfolgreich Veränderungen bewirken wollen. Ein einfacher Strategie-Dreisatz kann hierbei hilfreich sein: „Change it – Love it – Leave it“. Immer wenn Sie kurz davor stehen, eine Veränderung im Großunternehmen anzustoßen, sollten Sie sich fragen, ob der erwartete Nutzen schwerer wiegt als der einzusetzende Aufwand (wenn nicht, lassen Sie die Finger davon!).

Mitarbeiter, die in einem Großunternehmen anfangen, bilden üblicherweise sehr zügig eine zähe und schwer zu durchdringende Komfortzone um sich herum, auch aus dem Gefühl heraus: „Ich bin ja nur ein kleines Rädchen in einer großen Maschinerie!“ Trägheit macht sich schnell breit.
Wenn Sie sich in dieser Arbeitsumgebung vorgenommen haben, etwas zu verändern, müssen Sie sich auf aktiven oder passiven Widerstand gefasst machen. Gegner der Veränderung erkennen Sie gewohntermaßen an der Verwendung üblicher Killerphrasen wie: „Das haben wir noch nie so gemacht!“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht!“ oder auch „Da könnte ja jeder kommen!“. Lassen Sie sich davon nicht entmutigen.

Für jegliche Transformation, die Sie anstoßen möchten, benötigen Sie drei Qualitäten ganz besonders: Fokussierung (auf Ihre wesentlichen Ziele unter Ignoranz aller anderen unwichtigen Punkte), Mitgefühl (um die Perspektive der verschiedenen beteiligten Mitarbeitergruppen in der Veränderung einnehmen zu können) sowie Hartnäckigkeit (um Ihren Glauben zu behalten, auch wenn sich temporär vielleicht Rückschläge einstellen mögen).

Wenn Sie die oben genannten Tipps in Ihr künftiges Vorgehen integrieren, bin ich sicher, werden Sie wesentlich erfolgreicher in Ihrem Konzern vorgehen und eine Karriere entwickeln, die vielversprechend und von Sinnhaftigkeit geprägt ist.

Viel Erfolg wünsche ich Ihnen!

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